„Eine KI ist wie ein kleines Kind, das gerade Schreiben lernt“ – Michael Katzlberger (TUNNEL23) im Interview

Am 8. Juni ist es endlich soweit, dann startet BOT or NOT im Haus der Wissenschaft in Braunschweig. Für die Erstellung der KI-Texte, welche die Poetry Slammer*innen vortragen werden, zeichnet sich die Wiener Kreativagentur TUNNEL23 verantwortlich. Höchste Zeit ein paar Fragen zu klären. Wie lernt eine KI eigentlich Poesie zu schreiben? Und ist das wirklich echte Kreativität oder doch nur Programmierung?  - Ein Gespräch mit Michael Katzlberger, Geschäftsführer von TUNNEL23, über Kunst, freudsche Wortschöpfungen und die Zukunft kreativer Berufe.


Wann hast du angefangen, dich mit KI zu beschäftigen und wie bist du auf die Idee gekommen KI für die kreativ-künstlerische Produktion einzusetzen?

Vor ca. 4 Jahren. Ich hatte eine Kreativblockade und bin durch Zufall über den Begriff der „technischen Singularität“ gestolpert. Was passiert, wenn Computer die Menschen intellektuell übertreffen? Habe ich dann noch Arbeit? Können Maschinen kreativ sein? Das Thema hat mich so fasziniert, dass ich komplett reingekippt bin. Schnell wurde mir klar, dass sich diese Technologie für die Kreativbranche kommerziell sehr gut einsetzen lässt. Und wir haben bei TUNNEL23 begonnen, für unsere Kunden kleine, abgeschlossene KI Projekte zu realisieren. Alexa Skills, Werbemittel mit Sprachsteuerung und Bilderkennung, Kunstprojekte, 3D Renderings mit AI Unterstützung, Sentimentanalyse von Hasspostings - da war alles dabei.

 

Vereinfacht erklärt: Wie lernt eine KI Poesie zu schreiben?

Im aktuellen Fall haben wir mit der Software Tensor Flow von Google gearbeitet, die sich für diese Zwecke gut eignet. Man muss sich das so vorstellen, dass der Algorithmus „Wortumgebungen“ erlernt.  Das sogenannte „Word2Vec“ Modell prognostiziert im Rahmen des Natural Language Processing (NLP) das aktuelle Wort aus einer Sammlung von umgebenden Kontextwörtern. Es handelt sich dabei um einen sehr rechenintensiven Verarbeitungsvorgang.

 

BOT or NOT startet am 8. Juni 2019 in Braunschweig. Kannst du uns kurz einen Rückblick über den Trainingsprozess der KI geben? Gab es Überraschungen oder vielleicht besonders lustige misslungene Versuche?

Zunächst einmal habe ich mir das Projekt wesentlich einfacher vorgestellt, als es dann tatsächlich war. Wir hatten über das Projekt Gutenberg massig Textkorpora großer, deutschsprachiger Autoren zur Verfügung und haben die KI damit trainiert. Das hat zum einen sehr lange gedauert, zum anderen waren die Ergebnisse zu Beginn nicht zufriedenstellend. Erst nach längeren Trainings und nachdem wir stilistisch ähnliche Werke verwendet haben, wurden die Ergebnisse besser. Fails gab es unendlich viele, grammatikalisch hat die KI noch einiges zu lernen. Wortschöpfungen wie „der Liebesbriefer“, „seelend“, oder seltsame Sätze wie „Der Klang der Chemie“ fanden wir erstaunlich.

 

Würdest du bei KI tatsächlich von Kreativität sprechen? Und welche Rolle spielt dabei die Programmierung?

Ja, unbedingt. Auch wenn mich da viele Kollegen und KI-Skeptiker nicht ernst nehmen. Die Maschine erzeugt Inhalte, die nicht vorhersehbar sind und einen eigenen Charakter bekommen. Sie ist wie ein kleines Kind, das gerade Schreiben lernt. Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob das Kunst ist, und nicht nur eine zufällige Aneinanderreihung von Inhalten. Meine Gegenfrage wäre: Haben nicht die alten Meister auch von alten Meistern gelernt? Es gäbe kein Nirvana ohne John Lennon, der Kurt Cobains großes Vorbild war. Und Steve Jobs nahm sich Aristoteles zum Vorbild für seine brillanten Auftritte. Warum soll eine Maschine nicht gleichermaßen lernen dürfen?

 

Wie schätzt du den Einsatz von KI in anderen kreativen Bereichen für die Zukunft ein?

Enorm. Als Unternehmer bin ich natürlich auch an einer kommerziellen Verwertung dieser Technologie interessiert. Auf den ersten Blick erscheint unser gemeinsames Kunstprojekt wirtschaftlich kaum verwertbar. Auf den zweiten Blick sehr wohl. Eine gut trainierte KI kann heute schon Wetterberichte und Sportnachrichten schreiben und recherchieren. Beginnt sie aber auch frei zu texten, kann sie schneller als jeder Mensch zu den verschiedensten Themen Artikel verfassen. Diese KI ist dann ein Goldesel für jedes Medienhaus, jeden Publisher. Weitere mögliche Anwendungsbereiche sind z.B. die Erstellung von Geschäftsberichten, die Unterstützung im Kreativprozess oder die Namensfindung für Produkte oder Firmen. Die KI ist eine Basistechnologie, deren Wirkung sich in den nächsten Jahren voll entfalten wird. Sie hat eine disruptive Kraft wie keine andere.


Ob sich Kreativschaffende bald Sorgen um ihren Beruf machen müssen und welche ethischen Konsequenzen sich daraus ergeben, wenn Maschinen den Menschen irgendwann intellektuell überlegen sein sollten, werden wir am 8. Juni bei BOT or NOT mit Michael Katzlberger, KI-Forscher*innen und Poetry Slammer*innen diskutieren.